Türchen 9

Über meine Arbeit

Wie in den vergangenen Jahren möchte ich auch dieses Jahr im Adventskalender einen Ausflug in längst vergangene Zeiten machen und ein paar Kinderzeichnung zeigen. Was ich wohl diesmal finden werde?

Ich angle den labberigen alten Karton mit den Zeichnungen und Gemälden meiner Kindheit vom obersten Boden des Kellerregals und fange auf Knien an zu wühlen und zu suchen. Hebe einen Stapel nach dem anderen heraus, blättere durch die einzelnen Zeichnungen. Es gibt nur eine ganz grobe Sortierung. Ich lande bei alten Bildern aus meinen ersten Schuljahren. Die Farbe dieser aufdiktierten Motive ist verblichen und bröselt vom Papier. Ich finde eine gemalte DDR-Flagge, mit Hammer Sichel und Ährenkranz. Juri Gagarin, im Kosmonautenanzug durchs All schwebend. Brav umgesetzt. Leidenschaftslos.

Mein Blick bleibt auf einem Stück vergilbten Papier hängen, das sich dazwischen gemogelt hat. Darauf sind unzählige „Studien“ von Autos – mit blauem Kugelschreiber gezeichnet. Oder zumindest dem Wesen nach fahrende Kästen mit eierigen Kugeln daran. Dann noch weitere Blätter. Und noch mehr. Dutzende Exemplare. Ich muss schmunzeln. Beim Betrachten dieser Zeichnungen reise ich gedanklich zurück in die Vergangenheit.

Wahrscheinlich entwickeln die meisten Jungen im Alter von circa 2 Jahren eine ausgeprägte Affinität für alles was Räder hat. Nebenbei bemerkt ist davon heute ganz und gar nichts mehr übrig geblieben. Damals war ich scheinbar dazu bewegt, meine Begeisterung ungebändigt, in fast grenzenloser Varianz und unzähligen Wiederholungen voller Leidenschaft aufs Papier zu bringen. Es war ein Prozess des Begreifens, des Forschens, des Analysierens. Der Hingabe und der Seligkeit. Wenn ich nur einen Stift und ein Blatt Papier hatte, war ich glücklich und völlig bei mir selbst. Es war ein Ausleben und Ausdrücken meiner Freude über die gesehenen Dinge. Bei diesem Gedanken hebe ich den Kopf von den Zeichnungen und erinnerte mich an ein kürzlich geführtes Gespräch mit einem sehr geschätzten, erfahrenen und erfolgreichen Kollegen. Er sprach über seine Arbeit als Künstler, als Maler. Über seine Sicht der Dinge, über die Resonanz des Publikums oder der Betrachter im Allgemeinen. Vor allem aber ging es um die Beweggründe und den Antrieb für seine Arbeit. Man könne viel reden, sagte er; am Ende sei es doch „die pure Lust“, die einen immer wieder dazu bringt. Genau, dachte ich – so einfach!

Oft werde ich gefragt, wie ich eigentlich zur Malerei gekommen sei. Obwohl diese Frage einfach zu beantworten scheint, komme ich immer wieder ins Nachdenken. Jedenfalls gab es nicht das eine bezeichnende Erlebnis, das in mir irgendwann einmal den unwiderstehlichen Drang entstehen ließ, die Dinge nun malen zu müssen. Auch ist für mich die Malerei (und auch das Zeichnen),  seit jeher mehr als eine Freizeitbeschäftigung oder Zeitvertreib. Natürlich gab es Zeiten in meinem Leben, in denen es von der Zeiteinteilung rein mathematisch danach aussah. Doch schon immer stört mich etwas daran, wenn Leute meinen, ich habe ja Glück, dass ich nun mein Hobby zum Beruf gemacht habe. Jemand sagte einmal, ein Hobby sei etwas, das man auch sein lassen könne. Das trifft es ganz gut, finde ich.

Die Malerei ist viel mehr. Sie ist für mich die schönste Art, mich mit meiner Umwelt, mit Erlebtem und Gesehenem auseinanderzusetzen. Die beste Art, Dinge zu begreifen und zu reflektieren. Im Moment, im Hier und Jetzt zu sein. Passion. Ein Teil von mir. Meine Sprache, meine Art, die Dinge der Welt zu erklären. Etwas zu zeigen, das vorher kein anderer so gesehen hat.

Beim Nachdenken über meine heutige Arbeit sehe ich viele Parallelen zu den Zeichnungen von damals: Es spiegeln sich nicht nur der Himmel und das Wetter von heute in meinen zahlreichen Pfützenbildern wider (ich kann sie einfach nicht lassen :-D), sondern noch immer noch der selbe Antrieb, der selbe Drang, die selbe Freude wie vor 37 Jahren.

Die Pure Lust am Schaffen.